AKTUELLER BERICHT
 
Vision Zero – oder: Jeder Krebstote ist einer zu viel
Prof. Dr. Christof von Kalle und Daniel Bahr
 
 

Daniel Bahr ist Bundesgesundheitsminister a.D. und gehört dem Vorstand der Allianz Private Krankenversicherungs-AG an. Prof. Dr. Christof von Kalle ist Chair des BIH Lehrstuhls für klinisch translationale Wissenschaften an der Charité Berlin und Gründungsdirektor des gemeinsamen klinischen Studienzentrums der Charité und des Berlin Institutes of Health (BIH). Sie engagieren sich als Vorstand und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats im Verein Vision Zero.


Wir erleben in der Onkologie Fortschritte, die vor wenigen Jahren nicht denkbar waren. Trotzdem bleibt Krebs eine gewaltige gesellschaftliche und medizinische Herausforderung. Es könnte sogar passieren, dass Tumore hierzulande bald Herz-Kreislauferkrankungen den Rang als Todesursache Nummer Eins ablaufen werden. Dabei lässt sich das verhindern!


480.000 Menschen in Deutschland erhalten pro Jahr eine Krebsdiagnose – es sind ungefähr so viele, wie in Duisburg leben. Und: Jedes Jahr kommt ein neues Duisburg hinzu. Jeder Zweite in Deutschland erkrankt irgendwann in seinem Leben an Krebs. Kein Zweifel: Auch im 21. Jahrhundert bleibt Krebs trotz aller Fortschritte auf dem Vormarsch.

Andererseits gelingt es immer besser, Tumorerkrankungen zu behandeln, zu kontrollieren, sogar zu heilen. Die Fortschritte in der Onkologie sind atemberaubend und die Krebssterblichkeit sinkt: Zwar nehmen die Krebsneuerkrankungen zu (plus 50 Prozent zwischen 1995 und 2018), aber die Erfolge in der Behandlung wirken, sodass die Anzahl der Menschen, die an Krebs sterben, nicht in gleichem Maße zunimmt (lediglich plus 20 Prozent), sondern sich davon entkoppelt. Frühere und bessere Diagnosen, mehr Aufklärung und Wissen, gezieltere Behandlungsmöglichkeiten und neue Medikamente zeichnen dafür verantwortlich. Aber dieses Potenzial schöpfen wir bei weitem nicht aus.

Fakt ist: 220.000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an Krebs. Würden wir an einer deutschen Autobahn für jeden dieser Menschen ein Kreuz aufstellen, stünde alle 57 Meter eines. Eine unangenehme Vorstellung, aber dann würde jedem auffallen, was Krebs in unserer Gesellschaft anrichtet.


Lernen aus dem Straßenverkehr: Jeder Verkehrstote ist einer zu viel

Fakt ist auch: Jährlich 220.000 Tote im Straßenverkehr würden wir niemals akzeptieren. Anfang der 1970er Jahre starben rund 22.000 Menschen auf deutschen Straßen. Heute sind es rund 3.000 (2019) – bei deutlich mehr Autos sowie mehr und schneller gefahrenen Kilometern.

Ein Jahrhunderterfolg, der nicht vom Himmel gefallen ist: Es ist das Ergebnis eines konzertierten Prozesses, an dessen Beginn eine Vision stand. Sie lautet: Jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Die Schweden waren die ersten, die beschlossen, dass die akzeptierte Opferzahl im Straßenverkehr Null ist. Sie nannten es „Vision Zero“. Es gibt kaum ein Land, in dem Verkehrsteilnehmer sicherer leben als dort.

Deshalb wird es Zeit, dass wir den Kampf gegen den Krebs persönlich nehmen und die Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, bündeln. Es wird Zeit für ein neues Denken, das Krebs nicht als eine unbesiegbare Geißel der Menschheit hinnimmt. Es wird Zeit für eine Vision Zero in der Onkologie.

Vision Zero ist ein Konzept aus der Arbeits- und Verkehrssicherheit mit dem Ziel Unfälle und Verletzungen zu vermeiden. Es arbeitet mit der Prämisse, dass Menschen Fehler machen und setzt dort an – etwa durch strukturelle oder technische Veränderungen. Beispiel Straßenkreuzungen: Sie sind unfallträchtig. Ersetzt man sie durch Kreisverkehre, kann man die Zahl der Unfälle reduzieren oder dafür sorgen, dass sie weniger schwerwiegend sind. Die Erfahrungen aus Arbeit, Luftfahrt und Verkehr lehren auch: jede auch noch so hohe Investition in sinnvolle Vorbeugung und Verbesserung zahlt sich am Ende massiv aus. Warum soll das nicht auch in der Onkologie umsetzbar sein?

Krebs ist nicht eine Krankheit. Es sind viele. Und wir lernen jeden Tag dazu, wie komplex Krebs ist. Wir müssen deshalb an allen möglichen Stellschrauben drehen. Krebs braucht eine konzertierte Antwort.

 
 

Daten: Das Gold des 21. Jahrhunderts

Vision Zero in der Onkologie heißt: Wir müssen alles berücksichtigen: den Lebensstil, die Präventionsangebote, die frühe Diagnostik, die Therapie, die Ursachenforschung, den Studienstandort Deutschland. Wir brauchen rasch eine digitale Erfassung und Vernetzung der Daten, so dass jeder Arzt erfahren und verstehen kann, wie die letzten zehn Fälle gleicher Art behandelt worden sind – und mit welchem Ergebnis. Krebserkrankungen sind molekular hochkomplex. Deshalb brauchen wir die Daten aus der Routinebehandlung für die Fortentwicklung und Qualitätsverbesserung von Therapien.

Denn auch in der Krebsbehandlung sind Daten das Gold des 21. Jahrhunderts. Sie sind es, die uns in die Lage versetzen, für jeden Patienten nach seinem medizinischen Maßanzug für seine Erkrankung zu suchen – der in Zukunft eine „Behandlung von der Stange“ immer mehr ersetzen wird. Hier findet gerade ein Paradigmenwechsel statt: Die Wissenschaft zeigt uns den Weg von einer organspezifischen Betrachtung – also z.B. einem Brust- oder Lungenkrebs – hin zu den genetischen und immunologischen Grundlagen und ihren Treibern, die einen Tumor wachsen lassen. Deshalb sprechen wir heute von Präzisionsonkologie. Ganz neue Therapiemöglichkeiten sind die Konsequenz. Es ist eine kleine Revolution; sie setzt voraus, dass Medizin und Informationstechnologie zusammenwachsen. Damit aus Big Data Smart Data wird.


Mindestens jeder dritte Krebs wäre vermeidbar

Wer über eine Vision Zero nachdenkt, kommt schnell zum Thema Prävention. Wir wissen heute, dass mindestens jeder dritte Krebs durch Vorsorge vermieden werden könnte, hinzukommen die Effekte der Früherkennung. Die Gründe dafür finden sich bei Fragen des Lebensstils – die auch eine Frage der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist. Die üblichen Verdächtigen: Rauchen, ungesunde Ernährung, Übergewicht, Alkohol und Bewegungsmangel. Impfprogramme wie gegen das unter anderem Gebärmutterhalskrebs auslösende Humane Papillomvirus (HPV) müssen aktiv promotet werden – ebenso wie Screening-Programme, die Risikopatienten früh entdecken, bevor sich ein Krebs durchsetzen kann.

Unser Gesundheitssystem, das seine Leistungsfähigkeit in der Pandemie unter Beweis stellt, ist zu sehr Reparaturbetrieb. Wir brauchen einen stärkeren Fokus auf Vermeidung und Verhinderung von Krankheiten. Das kostet erst einmal Geld: Mehr Präventionsmaßnahmen, Impfprogramme, bessere Diagnostik und neue Medikamente sind nicht zum Nulltarif zu haben.

Aber es wird sich rechnen. Es kann ja nicht sein, dass wir die gewaltige gesellschaftliche und medizinische Herausforderung Krebs, die die Hälfte von uns betrifft und ein Viertel von uns frühzeitig sterben lässt, mit einem Fünfzehntel unserer Gesundheitsaufwendungen bekämpfen. Von diesen ca. 6,5 Prozent der Ausgaben stecken wir bisher viel zu wenig in Prävention, relativ wenig in die Frühdiagnostik und den Löwenanteil in die Behandlung von Krebspatienten.


Vision Zero: Ein neues Denken in der Onkologie

Mit der Vision Zero können wir die Zukunft der Krebsbehandlung gestalten. Fortschritte in Wissenschaft und Technik bieten uns ungeahnte Möglichkeiten. Basis dafür ist unter anderem Smart Data; intelligente Daten, mit denen sich der Kampf gegen Krebs immer präziser gestalten lässt. Das erfordert von uns allen ein neues, ein vernetztes Denken: Die Krebsbekämpfung der neuesten Generation ist eine Teamleistung – oder sie findet nicht statt. Und sie braucht unser aller Einsatz Denn jeder Krebstote ist einer zu viel.