AKTUELLER BERICHT
 
Ich unterstütze die Vision Zero Initiative ausdrücklich!
Prof. Dr. Otmar D. Wiestler
 
 

Professor Dr. Otmar D. Wiestler ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und plädiert unter anderem für ein stärkeres Investment in die Prävention von Krebserkrankungen.


Herr Professor Wiestler, auf welchem Stand ist die onkologische Versorgung in Deutschland mittlerweile angelangt?

Meines Erachtens hat sich die onkologische Versorgung in Deutschland in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Wir haben das Nationale Centrum für Tumorerkrankung (NCT), das zu den Standorten in Heidelberg und Dresden nun noch vier weitere erhalten wird, sowie 13 onkologische Spitzenzentren, wo auch im internationalen Vergleich eine Medizin auf sehr hohem Niveau angeboten wird. Das spiegelt sich dort auch in den Überlebensraten wider. Dagegen zeigen sich bei der Versorgung in der Fläche nach wie vor Defizite. Zum einen gibt es noch viele Kliniken, die Krebspatienten betreuen, aber Standards nicht oder nicht vollumfänglich etabliert haben und nur über begrenzte Erfahrung verfügen; zum anderen sind die stationären und ambulanten Sektoren vielfach noch nicht ausreichend vernetzt. Von den onkologischen Spitzenzentren wird ja ein Outreach erwartet. Umgekehrt sollten sich niedergelassene Ärzte einem engen Kontakt mit den Zentren öffnen. In den Metropolen ist dieser Kontakt schon relativ gut etabliert, aber im ländlichen Raum gibt es noch Verbesserungspotenzial.


Welchen weiteren Aufgaben wird sich die Krebsmedizin in nächster Zeit stellen müssen?

Wir brauchen noch mehr präzise greifende, gezielte Therapien und einen raschen Transfer von Innovationen aus der Forschung in die Anwendung. Dieser Transfer dauert derzeit noch sehr lange, nicht selten zehn Jahre oder mehr. Um diesen Prozess abzukürzen, müssen die akademische Gesundheitsforschung und die Industrie sehr viel enger als bisher zusammenarbeiten. Darüber hinaus sollten wir versuchen, die Zulassung von Krebsmedikamenten zu beschleunigen, ohne Abstriche bei der Sicherheit in Kauf zu nehmen. Die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat dafür bereits Verfahren entwickelt, und wir stellen immer wieder fest, dass Substanzen in den USA deutlich früher zugelassen werden als in der Europäischen Union.


 
 

Eine weitere Aufgabe besteht darin, die Digitalisierung voranzubringen. Jeder Patient, jede Erkrankung liefert uns eine Vielzahl an Informationen, die wir bislang aber nur unzureichend nutzen. Diese Informationen könnten von lernenden Systemen ausgewertet werden und uns völlig neue Zusammenhänge offenbaren, therapeutische Optionen aufzeigen und den Weg zu einer weiteren Individualisierung der Therapie ebnen.

Vor allem aber sollten wir die grundsätzliche Ausrichtung unseres Gesundheitssystems hinterfragen und viel mehr als bisher auf Prävention statt auf Behandlung setzen. In der Onkologie könnten wir dadurch die meisten Krebserkrankungen entweder in ihrer Entwicklung hemmen oder so früh erfassen, dass systemische Behandlungen unnötig würden. Wer eine langfristige Perspektive verfolgt, kommt gar nicht umhin, massiv in diesen Bereich zu investieren. Denn Präventionsmaßnahmen können die Zahl der krebsbedingten Todesfälle drastisch senken.


Der Verein Vision Zero tritt an, diese Zahl sogar gegen null zu bringen. Wie stehen Sie zu dieser Initiative?

Ich unterstütze die Initiative nachhaltig, weil sie sich nicht nur um einzelne Aspekte kümmert, sondern mit ihren zehn Handlungsfeldern das Thema Krebs umfassend in den Blick nimmt. Zudem gibt es eine gemeinsame Schnittmenge mit den Zielen, die die Bundesregierung mit der Nationalen Dekade gegen Krebs verfolgt. Was mir bei der Vision Zero Initiative ebenfalls sehr wichtig erscheint: Sie bezieht die Öffentlichkeit als Zielgruppe mit ein. Dabei geht es nicht nur darum, die Menschen über die enormen Fortschritte in der Krebstherapie zu informieren; wir müssen auch deutlich machen, welch enormes Potenzial in Vorsorge und Früherkennung stecken – genauso, wie es Christa Maar und die Felix Burda Stiftung beim Darmkrebs vorgemacht haben. Wir sollten das Gesundheitsbewusstsein junger Menschen und ihr Interesse an digitalen Anwendungen nutzen, um den Präventionsgedanken breit zu streuen. Lassen Sie uns Anreize setzen und diejenigen belohnen, die etwas für ihre Gesundheit tun. Denn der effektivste Weg, die Zahl krebsbedingter Todesfälle zu senken, ist immer noch, den Krebs gar nicht erst entstehen zu lassen.


Foto Credit: Helmholtz-Gemeinschaft