AKTUELLER BERICHT
 
Thomas Rachel, MdB, zur Nationalen Dekade gegen Krebs
Thomas Rachel, MdB
 
 

Thomas Rachel, MdB, ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung und Vorsitzender des Strategiekreises der Nationalen Dekade gegen Krebs.


Herr Rachel, Vision Zero Initiativen waren beispielsweise im Straßenverkehr und in der Arbeitssicherheit sehr erfolgreich. Welche Chancen räumen Sie der Initiative in der Krebsmedizin ein?

Für eine Vision Zero in der Onkologie braucht es einen gesellschaftlichen Konsens: Forschung ist unser wichtigstes Werkzeug, um dem Krebs die Stirn zu bieten. Wenn wir gemeinsam das Ziel verfolgen, die Krebsforschung zu stärken und weiterzubringen, wird es uns gelingen, die Krebstodesfälle drastisch zu senken. Nicht jeder Tod durch Krebs wird in Zukunft vermeidbar sein, aber sehr viele.

 

Experten des Vision Zero e.V. mahnen immer wieder, dass die hiesige Krebsmedizin Impulse benötigt, um Deutschlands Stellung als herausragender onkologischer Forschungsstandort zu sichern, um die Digitalisierung voranzubringen und vor allem, um die Prävention zu stärken. Was kann die Politik tun, um hier Abhilfe zu schaffen?

Die Nationale Dekade gegen Krebs ist unsere politische Antwort auf genau diese Frage. Wir, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), haben diese Initiative 2019 gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und vielen weiteren Partnern ins Leben gerufen, um alle Kräfte der Krebsforschung zu bündeln. Wir möchten möglichst viele Krebsneuerkrankungen verhindern, Prävention und Früherkennung verbessern, die Entwicklung neuer Therapien unterstützen sowie Forschung und Versorgung – auch digital – stärker vernetzen, um Forschungsergebnisse schneller zu den Betroffenen zu bringen. Die Initiative ist auf zehn Jahre angelegt, um die Arbeit des Bündnisses unabhängig von Legislaturperioden zu ermöglichen. Und sie ist als gesellschaftliche Bewegung gedacht: Alle relevanten Akteure in Forschung, Forschungsförderung, Gesundheitswesen, Wirtschaft und Gesellschaft sind gemeinsam aufgerufen als Unterstützer der Dekade mitzuwirken und einen Beitrag zu den Zielen der Dekade zu leisten. Der Vision Zero e.V. gehört zu den ersten Dekade-Unterstützern, was uns sehr freut.

 

Sie sind Vorsitzender des Strategiekreises der Nationalen Dekade gegen Krebs. Wie darf man sich die Arbeit des Strategiekreises konkret vorstellen?

Hier sind neben den beiden Ministerien, BMBF und BMG, die Krebsforschung, die Versorgung, Zulassungsbehörden, die Wirtschaft, Stiftungen und die Patientenvertretungen beteiligt, als jeweils gleichberechtigte Partner. Gemeinsam definieren wir im Strategiekreis Ziele und Schwerpunkte der Dekade. Für die Kernthemen werden zurzeit in drei Arbeitsgruppen Lösungsansätze für die Grundlagenforschung, Prävention und die wichtige Vernetzung von Forschung und Versorgung erarbeitet.

 

Sie sind auch Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF. Welche Rolle hat das BMBF im Strategiekreis, welche Aufgaben übernimmt es, welche Beiträge leistet es?

Das BMBF übernimmt hier einen ganz aktiven Part: Mit unserer Förderung ermöglichen und sichern wir onkologische Spitzenforschung in Deutschland in den Bereichen Prävention, Früherkennung, Diagnostik und innovative Therapien. Um gängige Praxis zu überprüfen, fördern wir 13 Vergleichs- und Optimierungsstudien, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir treiben den flächendeckenden Ausbau zukunftsweisender translationaler Strukturen voran; indem das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen um vier neue NCT-Standorte erweitert wird. Forschung und Versorgung arbeiten hier Hand in Hand. Darüber hinaus setzen wir hinsichtlich der Einbindung von Patientenvertretungen neue Impulse und gehen als BMBF mit gutem Beispiel voran – in unseren Ausschreibungen ist die Einbindung jetzt verpflichtend verankert.

 

Was ist Ihr Fazit nach rund eineinhalb Jahren Arbeit im Strategiekreis? Welche Impulse wurden gesetzt, welche Initiativen angestoßen, welche Projekte auf den Weg gebracht?

Wir haben in dieser kurzen Zeit wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht. Neben den bereits genannten ist ein Ergebnis der Arbeitsgruppe „Prävention“ die Darmkrebs-Förderrichtlinie des BMBF, um die Frage zu untersuchen, warum immer mehr junge Menschen an Darmkrebs erkranken.

Auch die Zunahme der Leberkrebsfälle möchten wir verstehen und Präventionsmaßnahmen ableiten, daher fördern wir das systemmedizinische Forschungsnetz LiSyM-Krebs.

Durch die Kooperation der Dekaden-Partner Deutsches Krebsforschungszentrum und Deutsche Krebshilfe wird ein Nationales Krebspräventionszentrum entstehen; das große Potenzial der Prävention muss ausgeschöpft werden.

Die Arbeitsgruppe „Vernetzung“ arbeitet an Strategien für eine stärkere Translation durch Datentransfer. Diesem Thema nehmen wir uns als BMBF auch schon an. In der Medizininformatik-Initiative haben wir das neue Fördermodul „Digitale FortschrittsHubs Gesundheit“ ausgeschrieben und explizit einen Fortschrittshub für den Bereich Krebs vorgesehen. Dadurch sollen Patientendaten, die an nicht-universitären medizinischen Einrichtungen entstehen, wie in Arztpraxen oder onkologischen Zentren, für die Gesundheitsforschung modellhaft nutzbar gemacht werden.


 

 
 

Ein innovatives Projekt, das Ende 2019 lief, ist der Online-Dialog. Warum ist die Partizipation der Öffentlichkeit in der Dekade gegen Krebs wichtig und welche Erkenntnisse wurden daraus gewonnen?

Im neuen Rahmenprogramm Gesundheitsforschung der Bundesregierung ist Partizipation fest verankert. All unsere Aktivitäten sollen Bürgerinnen und Bürgern zugutekommen, daher müssen wir mit ihnen im Austausch darüber bleiben, was sie sich wünschen, was sie bewegt. Gleichzeitig können wir so auch dazu beitragen, das Tabu um die Krankheit aufzubrechen und die Themen Krebs und Krebsforschung mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Beiträge der über 3.000 Teilnehmenden haben gezeigt, dass nicht nur Betroffene, Angehörige und Patientenvertretungen, sondern auch Forschende und medizinisches Fachpersonal diese Form von Dialog zu schätzen wissen.

Dabei zeigen die Ergebnisse der Bürgerinnen und Bürger insbesondere den Wunsch nach Entstigmatisierung von Krebs sowie eine laienverständliche Aufbereitung der Forschungsabläufe und Ergebnisse. Die Beiträge der Befragten aus Wissenschaft und Versorgung haben uns beispielsweise verdeutlicht, dass einer patientenorientierten Krebsforschung in der Praxis u.a. finanzielle, personelle sowie datenschutzrechtliche Hürden im Weg stehen und dass aus ihrer Sicht die Präventionsforschung vernachlässigt wird. Dies sind konkrete Fingerzeige, hier kann unsere Arbeit ansetzen.

 

In gut drei Jahren hat die Dekade gegen Krebs Halbzeit. Welche Meilensteine möchten Sie, möchte der Strategiekreis bis dahin erreicht haben?

Zur Halbzeit könnten uns allererste wissenschaftliche Ergebnisse aus den angestoßenen Projekten vorliegen. Im Falle der 13 praxisverändernden Studien hieße dies, Ärztinnen und Ärzte können auf Grundlage dieser ersten wissenschaftlichen Ergebnisse bereits damit beginnen, Elemente in ihre tägliche Praxis einfließen zulassen, um gemeinsam mit ihrer Patientin oder ihrem Patienten die individuell beste Therapie auszuwählen.

Ich wünsche mir, dass wir mit dem Fortschreiten der Krebsdekade durch weitere hilfreiche Unterstützer den angestoßenen Kulturwandel weiter vorantreiben – sowohl bei den Bürgerinnen und Bürgern als auch in der Onkologie selbst. Vielleicht ist es in drei Jahren schon selbstverständlicher geworden, offen über Krebs zu sprechen. Wenn bis dahin zusätzlich Ergebnisse aus der Präventionsforschung dazu führen, die Vorsorgeangebote individueller und niedrigschwelliger zu gestalten, wären wir auf einem guten Weg zur Senkung der Krebsneuerkrankungen. Schön wäre auch, wenn sich weitere onkologische Akteure dazu verpflichteten, in Krebsforschungsprojekten Patientenvertreterinnen und -vertreter einzubeziehen.


Seit 1. Juli hat Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft inne. Sie soll auch dazu genutzt werden, um die Krebsforschung in Europa voranzubringen. Was sind die Ziele, was kann Deutschland innerhalb von sechs Monaten bewirken und inwiefern können Patienten von europaweiten Initiativen profitieren?

Das Konzept der Dekade gilt auch für die EU: Gemeinsamkeit macht stark. Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Krebsbekämpfung durch mehr gemeinsame europäische Forschung vorangebracht werden kann, dies ist fest als Kernpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft verankert.

Im Rahmen der forschungspolitischen Konferenz „Europe: Unite Against Cancer“ ist eine gemeinsame Erklärung von den Partnern der Trio-Präsidentschaft geplant, um das Thema Krebs bei allen drei Partnern als gemeinsamen Forschungsschwerpunkt festzulegen. Wichtig ist uns auch in diesem Zusammenhang die verstärkte Einbindung von Patientinnen und Patienten in die europäische Krebsforschung. Denn langfristige und sichtbare Partizipation erhöht die Transparenz und den Nutzen der Forschung. Sie schafft so nicht nur ein stärkeres Vertrauen der Gesellschaft in die Forschung, sondern kann die Wissenschaftskultur nachhaltig verändern. Darum wollen wir hier einen Prozess anstoßen um die patientenzentrierte Krebsforschung als Standard in Europa nachhaltig zu verbessern und die Krebsforschung noch passgenauer auf die Bedürfnisse von Krebspatientinnen und -patienten und ihren Familien auszurichten.


Foto Credit: BMBF Hans-Joachim Rickel